Donnerstag, 10. August 2017

Die Kastration weiblicher Kaninchen

Vor kurzem wurde von einem Tierarzt ein Beitrag zur Kastration weiblicher Kaninchen veröffentlicht. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und kurz auf dieses Thema eingehen.

Wildkaninchen werden in der Natur bis zu 7 Jahre alt. In ihrem Leben durchlaufen sie verschiedene Lebensphasen: Wachstum, Fortpflanzung und Altern. Diese sind immer verbunden mit bestimmten Positionen der einzelnen Tiere in der Gruppe. Diese Positionen besteht hierarchisch jeweils unter den Rammlern und den Häsinnen. Die Rammler sind prinzipiell mit der Gruppenordnung und Revierverteidigung beschäftigt, Häsinnen ab ihrer Geschlechtsreife mit der Geburt von Jungen. In der Regel bringen sie im Laufe des Jahres 3-5 Würfe zur Welt. Außerdem sind hauptsächlich sie es, die Baue anlegen und diese als „Brutplätze“ gegen andere Weibchen verteidigen. Rangniedere Weibchen werden oft erst zum Ende der Hauptfortpflanzungszeit (Frühjahr/Sommer) trächtig und nutzen überwiegend eigene, vom Hauptbau entfernte Baue bzw. Röhren, um dort ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen.

Während Häsinnen einen Wurf säugen, sind sie oft schon wieder trächtig. Aus diesem Grund werden die Jungtiere eines Wurfes zum Ende der Säugezeit (ca. 21 Tage) von der Mutter attackiert und vertrieben. Zum einen aus Selbstschutz, um nicht zu viel Substanz zu verlieren und zum anderen, um den nächsten Wurf wieder versorgen zu können.

Fremde Tiere haben es sehr schwer, in eine Gruppe integriert zu werden. Das gelingt erst nach sehr langer Zeit.  Es hängt u. a. von der Gruppenzusammensetzung ab und wie schnell es ihnen gelingt, den „Geruch der Gruppe“ anzunehmen. Das ist der Faktor, der für den sozialen Zusammenhalt einer Gruppe am wichtigsten ist.

Rammler sind gegenüber Jungtieren zurückhaltend und „höflich“. Besonders das höchste, männliche Tier sorgt immer wieder dafür, dass alle Tiere der Gruppe mit seinem Geruch versehen werden. Dafür sorgt er mit Sekreten der Kinn- und Leistendrüsen. Um letzteren den Tieren "seiner" Gruppe zu verleihen, werden auch Jungtiere öfters „beritten“, was in der Regel als sexuelles Verhalten verstanden wird, aber nicht ist. Durch dieses Verhalten werden Tiere mit dem Sekret der Leistendrüsen versehen.

"Verhaltensauffälligkeiten" bei Kaninchen sind in der Regel nichts weiter als völlig normale Verhaltensweisen, egal in welcher Form. Aggressionen können ausgelöst werden durch Schmerzen, Angst oder Artgenossen, die man "nicht riechen kann". Diese Verhaltensweisen "weg zu operieren" ist gesetzlich und auch ethisch unzulässig.

Weibliche Hauskaninchen sind nach der Geschlechtsreife häufig aggressiv, auch wenn kein Nachwuchs vorhanden ist. Vor allem gegenüber anderen, weiblichen Tieren. Sie wissen ja nicht, dass sie nie Nachwuchs bekommen können. Scheinträchtigkeiten entwickeln sich oft schon durch das Berühren/Streicheln. Auf diese Weise werden zwar Eizellen freigesetzt, aber eben nicht befruchtet. Für die Häsin macht das erst einmal keinen Unterschied und das äußert sich auch im Verhalten.

Das Tierschutzgesetz lässt Amputationen bei Kaninchen eigentlich nur in 3 Fällen zu:
  • Zur Vermeidung ungewollten Nachwuchses. Das ist in der Regel dadurch gegeben, dass Rammler pauschal kastriert werden
  • Wenn Schäden für das Tier oder andere Tiere absehbar bzw. wahrscheinlich sind
  • Nach tierärztlicher Indikation.

Wenn ein Weibchen immer wieder scheinträchtig wird, die Milchleiste anschwillt und öfters "Nester" gebaut werden, wäre der Fall gegeben, über eine Kastration nachzudenken. Wenn ein Tier andere Tiere verletzt, muss die Haltung geändert oder das Tier abgegeben werden. Das wäre kein Fall für einen Tierarzt. Eine tierärztliche Indikation ist gegeben, wenn durch entsprechende Untersuchungen festgestellt wird, dass eine Kastration unumgänglich ist. Das kann zum Beispiel durch Ultraschall erfolgen. Eine bloße Veränderung einer Gebärmutter bedeutet nicht, dass ihre Entfernung nötig wäre. Vor allem muss, wie bereits erwähnt, darüber nachgedacht werden, ob eine Änderung der Haltung erfolgen sollte.

Was bei Veröffentlichungen zu diesem Thema auffällt ist, dass immer nur Vorteile einer Kastration aufgezählt werden – nie die möglichen Nachteile. Für Kaninchen dürften die zum Teil verheerend sein. Gründe dafür sind z. B. der Knochenstoffwechsel, ständig nachwachsende Zähne sowie die Anatomie der Kiefer. Zu einer meist mangelhaften Ernährung kommt durch die Kastration noch die Störung der Hormonproduktion. Vor allem bei Weibchen führt die verringerte Bildung von Östrogen, welches eigentlich die Aktivität der Osteoklasten hemmt, zu einem Abbau der Knochen-/Zahnsubstanz.

Dazu sei beispielhaft ein Zitat aus meinem Buch "Das Kaninchen - Nahrung und Gesundheit" aufgeführt: "Von (Cao, et al., 2001) wurde die Kieferknochendichte erwachsener weiblicher Tiere untersucht, die kastriert wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass der Verlust von mineralisierter Knochenmasse nach 4 Wochen auftrat und 12 Wochen nach der Ovariektomie in den Mandibeln (Unterkieferknochen) der Kaninchen signifikant war. Insbesondere betroffen war die trabekuläre Knochendichte. Dabei handelt es sich um den schwammartigen Innenraum der Knochen (Spongiosa), der aus kleinen Bälkchen, die aus Knochengewebe bestehen, aufgebaut ist. Die Knochendichte in diesem Bereich betrug bei den kastrierten Tieren nur noch 57-59% der Knochendichte der Kontrollgruppe. Die Spongiosa ist wichtig für die Knochenneubildung und Blutbildung. Außerdem leitet sie auftretende Kräfte, die während des Kauens auftreten, in den festen Bereich (Kompakta), der den Knochen umgibt, ab (Rühle, 2017)."

Die Knochendichte, die auch ein Maß für die Kompaktheit, also die Festigkeit der Kiefersubstanz darstellt, betrug nur noch fast die Hälfte im Vergleich zu den Weibchen, die nicht kastriert waren. Und das bereits nach 12 Wochen.

In Facebook wurde kürzlich über ein sogenanntes "retrogades Wachstum" der Zähne berichtet, welches in dem Buch der Tierärztin Dr. Böhmer (2014) thematisiert wurde. Ich werde in einem anderen Beitrag noch darauf eingehen, aber es sei bereits erwähnt, dass in der Kastration eine mögliche Ursache für ein zu tiefes Eindringen von Zahnwurzeln in den Kiefer liegen kann. Auch andere Zahn- und Kiefererkrankungen lassen sich mit einer solchen Amputation erklären.

Mit einer Kastration weiblicher Tiere, die eventuell unnötig ist, kann man ihnen schweren Schaden zufügen. Tierärzte schreiben häufig aus ihrer Sicht über Gebärmutterveränderungen und Erkrankungen und stellen fest, dass diese sehr häufig seien. Daraus wird eine Befürwortung von pauschalen Kastrationen abgeleitet. Aus meiner Sicht ist es irrelevant, wenn ein Tierarzt von seiner Patientenmenge auf eine Gesamtheit verallgemeinern möchte. Er bekommt in der Regel nur „geschädigte“ Tiere zu sehen. Niemand bringt all die gesunden Tiere zu einem Tierarzt. Vor allem auch im Zusammenhang mit der Massentierhaltung ist „Ethik“ immer noch ein Thema, welches eher am Rand behandelt wird. Aus meiner Sicht sind Empfehlungen zu "Pauschal-Operationen" ebenfalls ein Thema, welches aus ethischer Sicht kritisch zu sehen ist. Tierärzte für Heimtiere sollten hier verantwortungsvoller sein und Entscheidungen treffen, die das Individuum betreffen und keine pauschalen Empfehlungen bezüglich von Kastrationen treffen. Gänzlich abzulehnen sind sogenannte "Frühkastrationen" vor dem Erreichen der Geschlechtsreife.

Quellen:

Böhmer, E., 2014. Warum leiden Hauskaninchen so häufig an Gebiss- und Verdauungsproblemen? curoxray. ISBN 9783000450396
Cao, T., et al. 2001. Bone mineral density in mandibles of ovariectomized rabbits. Clin Oral Implants Res. 2001, Bd. 12, 6, S. 604-608.
Rühle, A., 2017. Das Kaninchen – Nahrung und Gesundheit. Norderstedt : BoD. ISBN: 9-783743-117990

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