Sonntag, 1. Oktober 2017

Zur Krankheitsverteilung bei Kaninchen

In den letzten Jahren liest man immer wieder Meinungen von Tierärzten über bestimmte Krankheiten, die unter Kaninchen weit verbreitet und vor allem sehr häufig seien. Es gibt auch verschiedene Statistiken über Krankheiten von Kaninchen, die sich aber mit diesen Meinungen nicht decken. Ich bin kein Tierarzt, aber mit meiner Erfahrung stimme ich mit den Statistiken überein. Einige Tierärzte sehen z. B. aus ihren Praxiserfahrungen Uterustumore bei weiblichen Kaninchen als sehr großes Problem, wenn nicht sogar als das Problem schlechthin, so dass mittlerweile Empfehlungen für pauschale Kastrationen weiblicher Tiere ausgesprochen werden, als würde man über das Schneiden von Krallen reden. So schrieb zum Beispiel der Tierarzt B. Lazarz 2006 in der Rodentia von der Scheinträchtigkeit einer Häsin als eine "Erkrankung", in deren Folge das Risiko eine Häsin, an Gebärmutterkrebs und "Brustkrebs" zu erkranken, deutlich größer wäre, vor allem ab dem vierten Lebensjahr. Zudem stellte Dr. Lazarz folgendes fest: "In Deutschland ist im Gegensatz zu den USA die Kastration der Häsin noch nicht an der Tagesordnung, wird sich aber in Zukunft wohl ähnlich wie die Kastration der weiblichen Katze auch bei uns zur Selbstverständlichkeit entwickeln. In der Vorbeuge der oben genannten Erkrankungen wird diese Operation unverzichtbar. Zudem lassen sich damit auch das unerwünschte Urinspritzen mancher Häsinnen und aggressives Verhalten unterbinden." Nun ja: in den USA ist z. B. auch das Declawing an der Tagesordnung, also die Amputation der Krallen von Katzen. Als "Vorbeuge" von Erkrankungen ist eine Maßnahme wie die Amputation der Gebärmutter in Deutschland verboten, ebenso als Maßnahme gegen arttypische Verhaltensweisen, die dem Menschen nicht gefallen (siehe auch diesen Post). Ich hoffe sehr, dass eine pauschale Kastration weiblicher Kaninchen in Deutschland nie zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Wie auch immer: wie steht es denn nun um die Häufigkeit verschiedener Krankheiten bei Kaninchen in der Heimtierhaltung?

Für die Klärung dieser Frage steht z. B. ein Artikel von Langenecker und Kollegen aus dem Jahr 2009 zur Verfügung, in dem die Ergebnisse verschiedener Arbeiten zu diesem Thema zusammengefasst wurden. In dem folgenden Diagramm sind die Ergebnisse zusammengefasst. Dafür wurden gleiche Diagnosen addiert. "Kastrationen" und "Impfungen" als Diagnosen bzw. Vorstellungsgründe werden in dem Diagramm nicht berücksichtigt.

Bild 1: Die häufigsten Vorstellungsgründe und Diagnosen für Kaninchen in der tierärztlichen Praxis, nach Daten aus Langenecker, et al. 2009 (Gesamtanzahl der dargestellten Fälle n=2902)
Das Diagramm stellt eine besondere Form dar, die so genannte "Pareto-Analyse". Die Balken geben die Anzahl der jeweiligen Diagnosen wieder, die blaue Linie deren "kumulativen Häufigkeiten" in Prozent. Das bedeutet, das Zahnerkrankungen (Zähne) mit 37% der häufigste Vorstellungsgrund war und Abszesse mit 12% der zweithäufigste. Die blaue Linie gibt die Summe der Werte wieder, so dass beide zusammen 49% ergeben (rechte vertikale Achse im Diagramm). So lässt sich relativ schnell und einfach feststellen, dass in dieser Untersuchung Zahnerkrankungen und Abszesse die Hälfte aller vorgstellten Patienten betraf. Zusammen mit EC beträgt der Wert 59% usw.. Die sechs Diagnosen Zähne (Zahnerkrankungen), Abszesse, Enzephalitozoonose, Trauma, Augenerkrankungen und Frakturen ergeben ca. 80% aller Diagnosen. Dass die blaue Kurve nicht die 100% erreicht liegt daran, dass nicht alle Diagnosen in den jeweiligen Quellen aufgeführt wurden.

Als "Neoplasien", die mit 4,5% aller Diagnosen in dem Diagramm aufgeführt sind, werden ganz allgemein Umfangsvermehrungen von Gewebe bezeichnet. Dazu zählen gutartige (benigne) und bösartige (maligne) Tumore. Eine Abgrenzung der Formen und der betroffenen Körperteile bzw. Organe erfolgte in dem Artikel nicht.

In den eigenen Untersuchungen von Langenecker, et al. betrug der Median für das Alter der Kaninchen, die wegen Zahnproblemen vorgestellt wurden, 3,3 Jahre. Das heißt, es handelte sich um erworbene Zahnfehler (Haltung, Ernährung, Unfall). Erbliche Zahnfehler sind bis zu einem Lebensalter von 8-10 Wochen bereits manifest, müss(t)en also behandelt werden.

Als eine Quelle in dem Artikel von Langenecker, et al., 2009 wurde die Dissertation von  I. Rheker aus dem Jahr 2001 genutzt. In dieser Arbeit wurde u. a. die Entwicklung des quantitativen Anteils der Heimtierpatienten am Patientenaufkommen der Klinik für kleine Haustiere der Tierärztlichen Hochschule Hannover von 1990-1999 untersucht. Die Ergebnisse sind in der Form eines Pareto-Diagramms (Bild 2) dargestellt.

Bild 2: Die häufigsten Vorstellungsgründe und Diagnosen für Kaninchen in der Klinik für kleine Heimtiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, nach Daten aus Rheker, 2001
In der Dissertation wurden "Tumore" (2,5%) abgegrenzt von "Uterustumoren", die mit einem Anteil von 0,2% vertreten waren - und das über einen Zeitraum von 10 Jahren. Im Jahr 1990 wurde bei einer Gesamtzahl an Patienten von 214 bei 2 Tieren ein Uterustumor diagnostiert, 1991 bei einem von 210 Tieren, 1992 ebenfalls bei einem Tier von insgesamt 202 Tieren und in den Jahren 1993-1999 kein einziger Fall eines Uterustumors.

Da die Auswertung von Rheker eine Zeitreihe enthält, ist auch eine Auswertung anhand der Originaldaten nach einem möglichen Trend möglich. Das folgende Diagramm stellt die Entwicklung von Diagnosen bzw. Vorstellungsgründen an der Klinik Hannover über den Zeitraum von 10 Jahren dar.

Bild 3: Die 10 häufigsten Vorstellungsgründe und Diagnosen für Kaninchen in der Klinik für kleine Heimtiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover über den Zeitraum von 1990-1999, nach Daten aus Rheker, 2001
Aus dem Diagramm wird ersichtlich, dass der häufigste Vorstellungsgrund bzw. die häufigste Diagnose Erkrankungen des Gebisses war und dieser auch in einem Zeitraum von 10 Jahren (1990-1999) am stärksten zugenommen hat. Beschriftet sind der Übersichtlichkeit wegen nur die 3 Gründe mit der größten Zunahme über den Zeitraum von 10 Jahren.

In vier unabhängigen Arbeiten, die Vorstellungsgründe und Diagnosen für Kaninchen untersuchten, die in vier unabhängigen tierärztlichen Einrichtungen getroffen wurden, waren Uterustumore deutlich unterrespräsentiert. Selbst mit der Annahme, dass alle Diagnosen, die "Neoplasien" oder "Tumore" Uterustumore gewesen sein sollten, würde der Anteil 2,5-5% betragen. Tatsächlich betrug er aber eher weniger als 1%. Der Zeitraum der Untersuchungen, die von Langenecker und Kollegen ausgewertet wurden, lag zwischen 1981-2003.

Wie kommt es zu dem Widerspruch in den Wahrnehmungen von Tierärzten zu den Statistiken? Zumindest einen Grund kenne ich aus eigenen Beobachtungen. Es existieren sehr viele Tierschutzorganisationen, von denen auch einige auch die pauschale Kastration von Häsinnen und sogar die Frühkastration von Kaninchen allgemein befürworten. Damit ist zwar der Begriff "Tierschutz" ad absurdum geführt, was aber ein anderes Thema ist. Viele dieser Organisationen unterhalten auch Webseiten oder Foren, in denen sich Mitglieder und Besucher austauschen können. In diesen werden Listen von Tierärzten geführt, die entweder sehr gut auf dem Gebiet der Heilkunde für Kaninchen sind wie auch von solchen, die Kastrationen von Häsinnen auch ohne eindeutige Indikation einer Erkrankung, die eine solche rechtfertigen würde, vornehmen. Da einige "Tierschützer" auch davon berichten, dass ihre Häsinnen frühkastriert wären, muss es auch Tierärzte geben, die einen solchen Eingriff vornehmen. So etwas spricht sich herum und natürlich werden solchen Tierärzte wesentlich häufiger weibliche Tiere vorgestellt, die auf Wunsch der Halter(innen) kastriert werden sollen. Bei dem Eingriff werden vor allem bei älteren Tieren nicht selten Veränderungen an der Gebärmutter festgestellt, die nachträglich den Eingriff rechtfertigen (sollen). Dazu muss festgestellt werden, dass Organveränderungen im Laufe des Lebens normal sind und nicht jede Veränderung den unvermeidlichen Tod bedeuten. Die Todesursachen der allermeisten Kaninchen dürften andere sein, als eine veränderte Gebärmutter. Zu "Uterustumoren" und auf welche Weise bestimmte Aussagen zu deren Häufigkeit entstanden sind, habe ich mich an dieser Stelle etwas ausführlicher geäußert.

Abschließend bleibt festzustellen, dass außer der jüngst auftretenden RHD2-Seuche die häufigsten Krankheitsgründe für Kaninchen nach wie vor ernährungs- und/oder haltungsbedingt die Zähne bzw. das Gebiss (Abszesse) sowie Erkrankungen des Verdauungsapparates sind.

Quellen:
  • Langenecker, M.; Clauss, M.; Hässig, M.; Hatt, J. M. (2009): Vergleichende Untersuchung zur  Krankheitsverteilung bei Kaninchen, Meerscheinchen, Ratten und Frettchen. Tierärztliche Praxis. Ausgabe  K, Kleintiere, 37(5). 326-333
  • Lazarz, B. (2006): Scheinträchtigkeit und andere hormonbedingte Erkrankungen beim Kaninchen. Rodentia 6(1). 58-59
  • Rheker, I. (2001): Untersuchungen zur Bedeutung der Heimtiere in der tierärztlichen Fortbildung in Bezug  zur Entwicklung des Heimtieranteils am Gesamtaufkommen der Patienten der Klinik für kleine Haustiere, der Klinik für Zier- und Wildvögel sowie der Klinik für Fischkrankheiten der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Tierärztl. Hochsch. Hannover. Diss.

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