Samstag, 23. Dezember 2017

Die Karottensuppe des Dr. Ernst Moro

In letzter Zeit hatte ich wieder häufiger im Zusammenhang mit Darmerkrankungen bei Hunden und Menschen mit der Karottensuppe von Ernst Moro zu tun. Da es dabei auch um Kohlenhydrate geht, auf die ich in den letzten beiden Artikeln (Teil 1, Teil 2) eingegangen bin, habe ich mich entschlossen, dieses interessante Thema hier auszubreiten. Zu einem gewissen Teil betrifft es natürlich auch Kaninchen, wie der geneigte Leser eventuell erstaunt feststellen wird.

Dr. Ernst Moro war von 1907-1910 an der Königlichen Universitäts-Kinderklinik in München tätig und sah sich dort mit einer hohen Säuglingssterblichkeit konfrontiert. 1908 veröffentlichte er einen Beitrag, der sich mit dem Einsatz einer „Karottensuppe“ bei Säuglingen beschäftigte, die an schweren Darmerkrankungen litten. Die Symptome waren ähnlich denen bei Vergiftungen („akute Nährstoffvergiftung“) wie starke Durchfälle und Abmagerung, die zum Teil auf den Einsatz von Kuhmilch in der Ernährung zurückgeführt wurden. Die bis dahin übliche „Wasserdiät“ mit verdünnter Kuhmilch führte nur selten zum Erfolg. Nach Einführung der Karottensuppe und deren Verfütterung „à discretion“ (Menge nach Belieben bis zur Sattheit, vergleichbar mit "ad libitum") sank die Sterblichkeit dramatisch, und zwar ohne zusätzlichen Einsatz von Medikamenten. Säuglinge, die „äußerst schlaff, blass, mit verzerrten Zügen, geöffneten Mund eingebracht wurden, trafen wir am nächsten oder zweiten Tag voller, mit frischem Blick, mit recht gutem Teint, mit geschlossenem Mund und der für gesunde Kinder charakteristischen Haltung, den größten Teil des Tages in ruhigem Schlafe liegen“ (Moro, 1908).

Als auffällig beim Einsatz der Karottensuppe wurde eine hohe Kotmenge bei gleichzeitiger Wasserretention beschrieben. Ebenfalls auffallend war der geringe Bakteriengehalt im Kot: während gramnegative Bakterien überwogen, fanden sich nur wenige grampositive wie z. B. „Escherichia coli“: „Die Karottendiät führt demnach zu einer radikalen Umstimmung der Darmflora und arbeitet so zweifellos auch den Gefahren der endogenen Infektion wirksam entgegen.“. Eine weitere Feststellung war die Steigerung der „Nährstofftoleranz“, das heißt, nach einer längeren Gabe der Karottensuppe konnte relativ problemlos wieder auf andere Nahrung gewechselt werden, selbst Kuhmilch wurde wieder vertragen.

Bei „Escherichia coli“ (E. coli) handelt es sich um Bakterien, die ein Krankheitsgeschehen durch ihre Adhärenz (Anhaften) an Epithelzellen des Darms sowie ihre Fähigkeit zur Bildung von Enterotoxinen (Gifte, die den Darm angreifen) mitbestimmen. Das Bakterium wurde erstmals 1886 von Theodor Escherich beschrieben, nach dem es später auch benannt wurde.

Über die Zusammensetzung der Karottensuppe gibt es ganz verschiedene Auskünfte, deshalb sei an dieser Stelle der entsprechende Auszug aus dem Originalartikel von Ernst Moro angeführt.

Bild : Originalrezept der Karottensuppe aus dem Artikel von Ernst Moro, 1908



Für die Karottensuppe von Moro gab es ein Vorbild und so sei ehrenhalber darauf verwiesen, dass französischen Medizinern eigentlich das Lob gebührt. Die "Gemüsesuppen der Franzosen" wiesen nach Moro aber nicht die Erfolge auf, wie er sie mit der Karottensuppe erzielen konnte.

Dass die Karottensuppe später wieder etwas in Vergessenheit geriet, hat einen einfachen Grund - mit ihr lässt sich kein Geld verdienen. Einziger Profiteur wäre der Bauer, der die Karotten anbaut. Zu jener Zeit kamen die ersten Antibiotika sowie Antidiarrhoika auf und deren Verabreichung war einfacher und für Pharmaunternehmen lukrativer, wenn auch oft mit äußerst unangenehmen Nebenwirkungen verbunden.

Eine Erklärung für die Wirkung der Karottensuppe konnte Ernst Moro noch nicht liefern, weil das Wirkprinzip erst später aufgeklärt wurde.

Pectine
Pectine als pflanzliche Polysaccharide (Kohlenhydrate) gehören zu den Gerüstsubstanzen von Pflanzen und bilden dort einen wichtigen Bestandteil der Zellwand. In den Mittellamellen und primären Zellwänden erfüllen sie festigende und wasserregulierende Funktionen. Außerdem verleihen sie der Mittellamelle und den Primärwänden von Pflanzenzellen die für deren Wachstum und Streckung erforderliche Elastizität. Sie fungieren somit als interzelluläre Kittsubstanz (Hänsel & Sticher, 2007). Sie sind für Mensch und Tier unverdaulich, weil diese nicht über die entsprechenden Enzyme verfügen, die sie verwertbar machen könnten. Diese Aufgabe übernehmen Bakterien, die im Blinddarm siedeln. Produkte dieses Abbaus sind Fettsäuren sowie Bakterienprotein. Das heißt, dass "rohe" Lebens- oder Futtermittel zwar Pectin enthalten, dieses aber dem Organismus nicht direkt zur Verfügung steht. Diese Pectine werden in der menschlichen Ernährung auch als "Protopektine" bezeichnet, um sie von solchen abzugrenzen, die als aufbereitete, chemisch veränderte in der Ernährung Anwendung finden.

Bei Pectinen handelt es sich im wesentlichen um Ketten von Galakturoniden, deren Säuregruppen zu 20-80% mit Methanol verestert sind. Neben Galacturonsäure (GalA) als Hauptbestandteil besteht Pectin aus verschiedenen Zuckerbausteinen wie Glucose, Galactose, Xylose und Arabinose. In verschiedenen Versuchen konnte gezeigt werden, dass bestimmte Galakturonsäuren (auch "saure Oligosaccharide") das Anhaften von E. coli-Bakterien an die Darmwand verhindern können (Guggenbichler et al., 1995; Kastner et al., 2002). Somit werden die Krankheitserreger, ohne Schaden anrichten zu können, ausgeschieden. Durch das Zerkleinern und anschließende Kochen werden die sauren Oligosaccharide der Karotte dem Organismus zugänglich gemacht.

Pectine binden Wasser, was den Wasserverlust bei Durchfällen verhindert, verlängern die Passagezeit des Nahrungsbreis im Darm und vergrößern die Kotmenge. Gequollenes Pektin legt sich als Schutzschicht auf die Darmwand. Dadurch wird die Adhäsion von Keimen verhindert (siehe Moro). Außerdem binden sie Schwermetalle und führen sie aus dem Organismus ab.     

Neben den Pectinen in grünen Pflanzen sind für die menschliche Ernährung vor allem die in Obst (Apfelpectin, Pectin aus der Zitronenschale) und Gemüsen wie z. B. Rhababer und Rüben bekannt. Bei der Produktion von Säften fällt als "Nebenprodukt" mit dem Rückstand eine Masse an, die "Trester" oder "Presskuchen" genannt wird. Diese Trester sind reich an Pectinen. Von großen Teilen des Tierschutzes werden solche Zusätze in Futtermitteln häufig geringschätzig als "Abfall" bezeichnet und abgelehnt.

In zahlreichen Tierversuchen hat sich Pectin als sinnvolle, gesundheitsfördernde Nahrungsergänzung gezeigt und in diversen Artikeln/Büchern werden Pectine auch bei kleinen Herbivoren wie Kaninchen empfohlen: "Zusätze von Pektin (z. B. Apfelpektin aus dem Reformhaus) [...] unterstützen die Darmflora." (Kraft et al., 2012). Auch die bekannte Tierärztin Jutta Hein erwähnt in einem Beitrag 2016 ultrakurz und in Klammern "(Pektin etc.)" als "Prä-/Probiotika". Was also Wildkaninchen über die natürliche Nahrung tagtäglich zur Verfügung steht, soll Hauskaninchen gewissermaßen als Zusatz und im Reformhaus erhältliches Mittelchen zu Gesundheit verhelfen. Preisfrage: was macht man dann mit der Hauptnahrung des Hauskaninchens falsch?

Soweit zum Wirken und Nutzen der Karottensuppe von Ernst Moro, wobei noch einmal explizit darauf hingewiesen sein soll, dass erst die mechanische Zerkleinerung, das lange Kochen sowie die Ergänzung von Fett aus der Fleischbrühe die Wirksamkeit auslösen.

Die Karotte ist ja aber auch als sagenhafter ß-Carotin-Lieferant bekannt - wie sieht es denn damit aus? Warum färbt sich bei Babies, die mit Karottenbrei ernährt werden, die Haut rötlich/braun, während diese Veränderung z. B. bei Veganern, die vielleicht viel Karotten essen, nicht zu beobachten ist? 

Das ß-Carotin der Karotte
ß-Carotin als wichtigste Vorstufe von Vitamin A (Provitamin A) wird zum Aufbau, Schutz  und der Regeneration der Haut sowie Schleimhäuten benötigt. Es erhöht die Widerstandskraft gegen  Infektionen, steigert die Antikörperbildung und ist am Stoffwechsel von Kohlenhydraten, Eiweißen  und Fetten beteiligt. Eine wichtige Eigenschaft von ß-Carotin ist seine Fettlöslichkeit. Das bedeutet, dass es nur in Kombination mit einer Mindestmenge an Fett vom Organismus verwertet werden kann.
Nun hat sich schon bei den oben erwähnten Pectinen der Karotte ein kleiner Haken gezeigt: sie stehen erst nach aufwendiger Bearbeitung dem Organismus zur Verfügung. Für das ß-Carotin der Karotte lässt sich leider auch ein kleiner Haken feststellen, denn das Provitamin ist in der Karotte in eine feste Cellulosematrix eingebettet.

Tja, liebe Leser - und was wissen wir über Cellulose? Der tierische wie auch menschliche Organismus verfügt über keine Cellulasen (Enzyme), die diese Matrix aufbrechen könnten. Das können nur Bakterien, die im Blinddarm leben. Da ist es aber zu spät, um freiwerdende Nährstoffe noch dem Körper zuzuführen. ß-Carotin wird im Rahmen der Fettverdauung im oberen Dünndarm aufgenommen und in Vitamin A umgewandelt.

Karl-Heinz Bässler im Vitamin-Lexikon, 2007: "Aus rohen Karotten wird ß-Carotin z. B. nur ungenügend resorbiert (nur etwa 1 bis 2 Prozent). Der Grund ist, daß ß-Carotin in der Zelle kristallin vorliegt und von einer festen unverdaulichen Cellulosematrix umschlossen wird. Stellt man jedoch Karottensaft bzw. Karottenmus her, und wird dies noch gekocht und mit etwas Fett versetzt, so ist eine optimale Carotinoidausnutzung gewährleistet." (Hervorhebung von mir).

Nun wissen wir also auch, warum Veganer im Gegensatz zu Babies keine rote Haut durch den Verzehr von Karotten bekommen: der Brei der Babies wird nämlich gekocht und püriert, womit die Cellulosematrix aufgebrochen und somit das ß-Carotin besser verfügbar wird. Die biologische Verfügbarkeit von ß-Carotin aus rohen Karotten dagegen ist verschwindend gering, zumal sie auch nur sehr wenig Fett enthält.

An dieser Stelle möchte ich jetzt aber allen Lesern dieses Blogs und ihren geliebten Tieren erst einmal ein geruhsames, besinnliches und friedliches Fest wünschen. Bleiben Sie schön neugierig und interessiert!

Quellen:
  • Ärzte Zeitung (2011): Karottensuppe nach Moro könnte auch EHEC lahmlegen. Download von https://www.aerztezeitung.de/medizin/med_specials/ehec-2011/article (Abruf am 08.06.2011)
  • Bässler, K.-H. (2007): Vitamin-Lexikon. Vorkommen, Bedarf, Mangelerscheinungen, Anwendungsgebiete, Prävention, Supplementierung. 3. Aufl. (Sonderausg.) Köln: Komet. ISBN 3-89836-690-1 
  • Guggenbichler, J. P.; Meißner, P.; Jurentisch, J.; Bettignies-Dutz, A. (1995): Blockierung der Anlagerung von Keimen an menschliche Zellen. Patent-Nr. DE 43 30 773 A1, 16.3.1995
  • Hänsel, R.; Sticher, O. (2007): Pharmakognosie – Phytopharmazie. 8. Aufl. Heidelberg : Springer. ISBN 3-540-26508-2
  • Hein, J. (2016): Durchfall beim Kaninchen – Ursachen und Therapie. Kleintier konkret 19 (S 01). S. 2-9
  • Kastner, U.; Glasl, S.; Follrich, B.; Guggenbichler, J. P.; Jurenitsch, J. (2002): Saure Oligosaccharide als Wirkprinzip von wäßrigen Zubereitungen aus der Karotte in der Prophylaxe und Therapie von gastrointestinalen Infektionen. Wiener Medizinische Wochenschrift. 152.15-16. 379-381. 
  • Kraft, W.; Emmerich, I. U.; Hein, J. (2012): Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei Kleinnagern, Kaninchen und Frettchen. Stuttgart : Schattauer. ISBN 978-3-7945-2838-7
  • Moro, E. (1908): Karottensuppe bei Ernährungsstörungen der Säuglinge. Münchener Medizinische Wochenschrift No. 31. S. 1637-1640

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