Sonntag, 11. Februar 2018

Die Kastration von Kaninchen. Teil 3: Die Studien von Greene

Fortsetzung des Artikels zur Kastration von Kaninchen, Teil 2. [am 12.2.2018 geändert]

Was die "House rabbit society" (HRS) u. a. als vermeintlich neue Erkenntnis darstellen wollte ist die Tatsache, dass das Risiko für Erkrankungen der Gebärmutter bei Kaninchen ab einem Alter von 2 Jahren deutlich ansteigt. Aber das ist eigentlich eine Binsenweisheit, weil Krebs nun einmal eine altersabhängige Erkrankung ist. An dieser Stelle folgen nur kurz und beispielhaft Darstellungen des Risikos für Frauen, in den nächsten zehn Jahren an Krebs zu erkranken oder zu sterben sowie die Inzidenz für Gebärmutterhalskrebs (Statista, 2018; RKZ, 2017)

Diagramm 1: Wahrscheinlichkeit für Frauen in Deutschland, in den nächsten zehn Jahren an Krebs zu erkranken oder zu sterben, nach Alter; © Statista 2018



Diagramm 2: Übersicht über die wichtigsten epidemiologischen Maßzahlen für Deutschland, ICD-10 C53 (Gebärmutterhals); aus RKZ, 2017



Soweit noch einmal kurz zur Altersabhängigkeit von Krebserkrankungen und nun zu den zitierten "Studien".

Die Artikel von Harry S. N. Greene in Zusammenarbeit mit weiteren Autoren wurden über zwei Jahrzehnte im Laboratorium des „Rockefeller Institute for Medical Research“ in New York und in Princeton auf Grund verschiedener Untersuchungen erstellt. Anfangs wurden viele Kaninchen selbst gezüchtet, später aber zugekauft. In den Jahren 1930 – 1934 wurde der Kaninchenbestand u. a. durch 3 seuchenhafte Ausbrüche von „Kaninchen-Pocken“ dezimiert und wieder  neu aufgestockt, auch mit Nachwuchs von Tieren, die während der Epidemien trächtig waren oder Jungtiere  aufzogen. Der gesamte Tierbestand betrug auf Grund der Aufzucht von Jungtieren bis zu 1700 Tiere, wobei die Anzahl der weiblichen konstant zwischen 400-500 Tieren lag. Die Zusammensetzung der Population in Bezug auf Rassen und deren Kreuzungen wurde in einem Artikel geliefert, der 1935 im Zusammenhang mit Kaninchenpocken erstellt wurde.

Die ersten Auswertungen von Gebärmuttererkrankungen basierten auf Daten aus den Jahren 1932-1937 (Greene & Saxton, 1938). Insgesamt wurden für die Arbeit 83 Fälle von Uterustumoren registriert, die  von 491 Häsinnen stammten. Es gab keine Fälle von Gebärmuttertumoren bei Tieren, die jünger als 2 Jahre waren. Diese Tumore wurden in 20 Prozent der Fälle im dritten Lebensjahr gefunden, im vierten in 44%, im fünften in 25%, im sechsten in 9% und im siebten Lebensjahr in nur 1% der Fälle. Das Durchschnittsalter der Tiere bei der Entdeckung des Tumors betrug somit 45 Monate (3,75 Jahre). Es erkrankten nur Tiere der Rassen Beveren,  Dutch, English, Himalayan, Havana, Marten, Polish, Sable, Tan und Rex, während Tiere der  Rassen Belgian, Chinchilla und Silver überhaupt nicht von Uterustumoren betroffen waren.. Viele der tumortragenden Tiere waren eng miteinander verwandt, und Fälle der Krankheit in 3 Generationen einer Familie waren überaus häufig.

Bild 1: Auszug aus Greene & Saxton, 1938


Bild 1 zeigt einen Ausschnitt aus dem Artikel mit der Tabelle für die Häufigkeit des Auftretens von Tumoren in verschiedenen Jahren. Es wurde zudem festgestellt, dass die Häufigkeit am höchsten innerhalb jener Rassen und in Linien von Tieren war, bei denen auch die Häufigkeit der Toxämie während der Trächtigkeit am größten war. Verwiesen wurde hierfür auf einen Artikel (Quellenangabe "(4)") aus dem Jahr 1938, in dem auf diese Erkrankungen eingegangen wurde. Das folgende Bild zeigt die Häufgkeit der Toxikämie in verschiedenen Jahren und ist dem Artikel entnommen.

Bild 2: Auszug aus Greene, 1938


Vergleicht man das Auftreten der Häufigkeiten der Toxikämie mit den Uterustumoren in den jeweiligen Jahren so stellt man fest, dass ein Jahr nach Verdopplung der Fälle von Toxikämie (1935) auch ein sprunghafter Anstieg der Fälle von Uterustumoren folgte (1936). Im folgenden Jahr (1937) nahmen die Fälle von Tumoren noch einmal um das Vierfache zu. Das folgende Diagramm 2 zeigt das Verhältnis der Erkrankungen in den verschiedenen Jahren.

Diagramm 3: Häufigkeit des Auftretens von Toxikämie und Uterustumoren nach Daten aus Greene, 1938 und Greene & Saxton, 1938


Um es noch einmal deutlich zu machen: eigentlich dürfte es gar keinen Anstieg in den Kurven geben. Das kann nur der Fall sein, wenn etwas außergewöhnliches passiert. Oder anders formuliert: in zwei Jahren wurden keine Fälle von Uterustumoren verzeichnet, in einem Jahr 3 Fälle und in einem weiteren Jahr nur 1 Fall - und dann auf einmal steigt die Häufigkeit rapide an. Man kann also sagen, dass in einer Untersuchung von Greene festgestellt wurde, dass in vier aufeinanderfolgenden Jahren durchschnittlich nur 1% aller Häsinnen an Uterustumoren erkrankten (n=491). Dann aber ist irgend etwas passiert und die Erkrankungsrate nahm dramatisch zu. Aber was war geschehen?

Die Antwort findet sich in einem weiteren Artikel von Greene aus dem Jahr 1937. Dort wurde festgestellt, dass seit einigen Jahren in dieser Laborzuchtkolonie sporadische Fälle von Toxikämie beobachtet wurden. Im Herbst 1935 wurden die Tiere nach Princeton verlegt und mit der Wiederaufnahme des Zuchtbetriebs dort kam es dann plötzlich zu einem beispiellosen Ausbruch tödlicher Toxikämiefälle. Die Krankheit beschränkte sich dabei nicht nur auf trächtige Kaninchen, sondern trat auch post partum (nach der Geburt) und bei scheinträchtigen Kaninchen auf. Im November 1935 zählte der Bestand an erwachsenen Tieren 350 Männchen und 650 Weibchen. Der größte Teil der Population war bekannt für konstitutionelle Abweichungen auf Grund ihrer Zucht für bestimmte Zwecke. Die Tiere waren in Räumen in Einzelkäfigen untergebracht. Die Ernährung bestand aus Heu, Hafer und einer handelsüblichen Trockenfutterration, die seit mehreren Jahren im Einsatz war.

In dem bereits erwähnten Artikel von Greene aus dem Jahr 1938 wurde dann festgestellt, dass die Ergebnisse darauf hindeuteten, dass Inzidenz, klinische Manifestationen und pathologische Läsionen darauf hinwiesen, dass die Erkrankung hypophysären Ursprungs ist (hypophysär bedeutet "die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) betreffend" bzw. "durch die Hypophyse bedingt") und dass die Assoziation mit der Trächtigkeit auf eine veränderte Aktivität dieser Drüse in deren Endstadien zurückzuführen sei. Erbliche Faktoren im Zusammenhang mit der Rasse und bestimmten konstitutionellen Variationen waren mit einer erhöhten Anfälligkeit verbunden, aber ihr Ausdruck war offensichtlich abhängig von den Umweltbedingungen. Die allgemeine Reaktion der Tiere zeigte sich in funktionellen Störungen, die in normalen Gruppen von geringerer Schwere waren, sich aber bei anfälligen Tieren in einer Toxikämie äußerten. Darüber hinaus waren Fälle von Kannibalismus, Vernachlässigung der Würfe und andere Erscheinungsformen schlechter mütterlicher Fürsorge ungewöhnlich zahlreich und die Inzidenz tot geborener Würfe und von "Monstern" in diesen Würfen wurde deutlich erhöht. Andere Manifestationen gestörter Fortpflanzungsfunktionen wurden in der Kolonie beobachtet und sind wegen ihrer früheren Seltenheit von besonderer Bedeutung. Die Diagnose einer Trächtigkeit durch Abtasten am 10. Tag nach der Paarung wurde aus langjähriger Erfahrung als zu 100 Prozent korrekt befunden, aber während des Ausbruchs der Krankheit gab es Fälle, in denen an diesem Tag eine Trächtigkeit diagnostiziert worden war, aber bei einer erneuten Untersuchung wenige Tage später das Produkt der Empfängnis aus der Gebärmutter verschwunden war. Diese Anomalie trat häufig in späteren Verpaarungen desselben Tieres auf, und im Laufe des Jahres gab es 52 Fälle dieser Art bei 39 Tieren. Es wurde vermutet, dass die Resorption der Föten mit dem Mangel an Vitamin E in Verbindung zu bringen sei, aber die Störung wiederholte sich trotz der Zugabe von Weizenkeimöl im Futter. Zusätzlich wurde die Inzidenz von Gebärmuttertumoren von durchschnittlich etwa drei oder vier pro Jahr auf etwa 40 während des Ausbruchs erhöht. Die Tumore wurden in vielen Rassen und Hybridgruppen beobachtet, waren aber besonders häufig in Tierlinien, in denen Toxämie auftrat. Die klinische Anamnese und die Veränderungen, die bei der Autopsie in Organen des endokrinen Systems gefunden wurden, deuten auf eine Korrelation zwischen Funktionsunregelmäßigkeit und Tumorentwicklung hin, und die Prävalenz des Tumors während des Ausbruchs der Toxämie deutet auf eine ätiologische (ursächliche) Beziehung hin. Andere Erscheinungsformen des physiologischen Ungleichgewichts wurden sowohl bei der männlichen als auch bei der weiblichen Bevölkerung der Kolonie beobachtet, so die Anfälligkeit für Schnupfen, einer ansteckenden Erkrankung der oberen Atemwege beim Kaninchen. Es kam zu einer Veränderung der Manifestationen und des Ortes der Erkrankung, wie das weit verbreitete Auftreten von Abszessen in inneren und äußeren Organen zeigte. Abschließend wurde festgestellt, dass zahlreichen Erkrankungen durch veränderte Umweltbedingungen ausgelöst wurde.

Ohne den Umzug der Laborkaninchen nach Princeton wäre es also nicht zu dem Ausbruch von Toxikämie und dem daraus folgenden Anstieg der Häufigkeit von Uterustumoren gekommen.

Diese Zustände und daraus folgenden Ergebnisse mit einer natürlichen Inzidenz für Uterustumore bei Hauskaninchen in Verbindung zu bringen, ist schlicht absurd.

Wenn man, wie die HRS oder Tierärzte, nur den Artikel von Greene aus dem Jahr 1958 kennt, oder eventuell nur die Zusammenfassung liest oder nur ein topaktuelles Zitat nutzt, welches sich auf diesen Artikel beruft, hat man schon verloren. Dort werden diese Zusammenhänge gar nicht erläutert und schlimmer noch, sie werden sogar von Greene selbst später kaum noch berücksichtigt.

Bild 3: Auszug aus Greene, 1941


Übersetzt wurde jetzt also sinngemäß im einleitenden Teil u. a. festgestellt, dass die ursprünglichen Beobachtungen nun fortgesetzt und kein Versuch unternommen wurde, die Häufigkeit von Tumoren durch selektive Züchtung zu erhöhen.  Es gäbe keinen Grund zu der Annahme, dass die hohe Inzidenz in der Kolonie auffällig und nicht repräsentativ für andere Kaninchenpopulationen sei, die aus Tieren mit einer ähnlichen Konstitution bestehen würde.

Wenn man also die verschiedenen, vorherigen Arbeiten von Greene nicht kennt, geht man mit der Publikation von 1941 davon aus, dass es sich um eine ganz "normale" Population von Laborkaninchen handelt - was man auch immer im weitesten Sinne darunter verstehen möchte. Die komplette Wiedergabe der Ergebnisse aus dem Artikel von 1941 würde den Rahmen meines Artikels sprengen, deshalb folgt nur eine kurze Zusammenfassung, weil von dort später viele Zahlen übernommen wurden, u. a. eben die 80%. Die Untersuchungen konzentrierten sich nun auf das Alter, rassespezifische Merkmale sowie dem Einfluss der Verwandschaft der Tiere auf die Häufigkeit von Uterintumoren.

Die Population bestand aus 14 Reinrassen und zahlreichen Hybridrassen. Einige der Hybridlinien wurden über eine beträchtliche Anzahl von Generationen hinweg ohne Verpaarung mit fremden Tieren (Eintrag von "frischem Blut") getragen. Andere Linien, die hauptsächlich aus einer Kreuzung zweier reiner Rassen stammen, wurden durch wiederholtes Züchten mit einer der Elternlinien erhalten und als "Hybridkonzentrate" bezeichnet. Die Mehrheit der anderen Hybriden bilden F1-, F2- oder Rückkreuzungs-Generationen der verschiedenen Reinrassen, aber eine kleine Zahl repräsentierte mehrere Reinrassen- und Hybridkreuzungen und wurde als "komplexe Polyhybriden" bezeichnet ("Rückkreuzung" bedeutet die Rückverpaarung eines weiblichen Tieres mit seinem Vater oder eines männlichen Tieres mit seiner Mutter). Viele der tumortragenden Tiere waren rassisch oder konstitutionell miteinander verwandt. Mit "Konstitution" wird von Greene das beschrieben, was man auch als "Zuchtziel" bezeichnen kann. Das heißt, Tiere wurden in Bezug auf bestimmte Versuche so gezüchtet, dass sie die zu erwartenden Ergebnisse erbringen. So gab es auch Versuche zum Testen letaler Faktoren oder dem Zwergwuchs. Manche Tiere erreichten also schon rein aus Zuchtgründen erst gar kein Alter von > 4 Jahren, die Tiere oder deren Nachkommen entwickelten aber schon sehr früh Tumore, die natürlich in die Berechnungen einflossen. Greene verwies ausdrücklich darauf, das z. B. die Mehrzahl der für die Hybridisierung ausgewählten, reinrassigen Tiere in gewisser Hinsicht abnormal waren bzw. bekannt war, dass sie Variationen schädlicher, konstitutioneller Eigenschaften übertragen und ihre Nachkommen extra für die Untersuchung dieser Anomalien gezüchtet wurden. Infolgedessen zeigte oder übertrug ein großer Teil der hybriden Bestände konstitutionelle Schwankungen und der Einfluss dieser Schwankungen auf die Tumorinzidenz erschwerte eine Bewertung der Bedeutung anderer Faktoren.

In dem folgenden Bild 4 sind zwei Tabellen aus dem Artikel dargestellt: Tabelle I enthält die Häufigkeit der Tumore nach dem Alter und Tabelle II die Häufigkeit nach den Rassen.

Bild 4: Häufigkeit von Uterustumoren nach Alter (Table I) und Rassen (Table II);
aus Greene, 1941


Wenn man die Zahlen in Tabelle II nachrechnet und mit denen in Tabelle I vergleicht, ergeben sich zum Teil erhebliche Abweichungen. Ich habe einige Daten in der Tabelle farbig markiert, die zeigen sollen, warum die Studien auch aus anderen Gründen ungeeignet für eine pauschale Bewertung in Bezug auf Gebärmuttertumore bei Kaninchen sind: durch die Auswahl von Tieren, die von vornherein für Tumore prädestiniert waren, standen demgemäß auch in den Altersstufen > 4 Jahre nur noch sehr wenig Tiere zur Verfügung. Wenn nun z. B. im Alter von 6 Jahren von zwei Tieren eines einen Tumor entwickelt, betägt die Quote 50%. Erkranken von den zwei Tieren beide, ergibt das 100%. Diese prozentuale Angabe ist in statistischen Auswertungen auch deshalb beliebt, weil man damit verschleiern kann, dass die Grundgesamtheit nur sehr wenig Daten enthält. Etwas wichtiges darf man bei der Betrachtung der Werte nicht unberücksichtigt lassen: die Daten geben keine Sterblichkeitsraten (Mortalität) an, sondern nur die Häufigkeit ("Incidence") von Tumoren, die oft auch erst als Zufallsbefund nach dem Tod festgestellt wurden. Gestorben waren die Tiere aus einem anderen Grund.

Weiterhin wurde in Bezug auf die Verwandschaft festgstellt, dass  z. B. insgesamt 148 Nachkommen von tumortragenden Tieren älter als 2 Jahre wurden und das 34 (26%) von ihnen Tumore entwickelten. Zudem wurde festgestellt, dass die "Anomalien" in der Zucht von Tieren, die später Tumore der Gebärmutter entwickelten, aufgrund ihrer Häufigkeit einen integralen Bestandteil der klinischen Geschichte der Tumoren bildeten. Schließlich wurde nun doch noch auf die Toxikämie eingegangen und konstatiert, dass die chemischen Blut- und Gewebeveränderungen vom Typ her identisch mit denen waren, die bei tödlichen Fällen von Toxämie in der Trächtigkeit beobachtet wurden. Deshalb wurde der Schluss gezogen, dass die Toxikämie eine vergleichbare, aber weniger akute Störung wie Gebärmuttertumore darstelle. Als zu betonenden Punkt wurde herausgestellt, dass alle tumortragenden Tiere während ihres früheren Lebens eine intensive Leberverletzung erlitten hatten. Es gab sowohl anatomische als auch chemische Beweise dafür, dass die Verletzung über lange Zeiträume andauerte und trotz der endgültigen Wiederherstellung einer scheinbar normalen histologischen Struktur war es denkbar, dass bestimmte nichtvitale Funktionen unwiderruflich verändert wurden und dass eine vollständige physiologische Erholung nie stattgefunden hatte. Es schien also, dass Kaninchen mit Leberschäden dieser Art einer erhöhten Östrogenkonzentration ausgesetzt gewesen wären, die schließlich auf ein krebserzeugendes Niveau angestiegen war. Ähnliche Belege gab es auch in anderen Arbeiten.

Schließlich wurde von Greene, 1941 zusammengefasst,  das eine Untersuchung der uterinen Adenome im Kaninchen eine Inzidenz von 16,7 Prozent für weibliche Kaninchen ergab, die älter als zwei Jahre waren. Die Inzidenz variierte stark in Bezug auf Alter, Rasse und genetische Konstitution und entsprach weitgehend derjenigen der Toxikämie der Trächtigkeit für Tiere mit gleichen konstitutionellen Faktoren. Darüber hinaus waren alle tumortragenden Tiere in ihrer früheren Zuchtgeschichte auch an Toxikämie erkrankt. Diese Tatsachen deuteten darauf hin, dass die Assoziation der beiden Erkrankungen als Folge der Leberschädigung durch die Toxikämie auftrat, die die Funktion der Leber in Bezug auf die Inaktivierung von Östrogen beeinträchtigte, wodurch dessen Konzentration im Blutstrom auf ein krebserregendes Niveau anstieg. Ergänzend sei noch hinzugefügt, dass von Greene eine schlechte Nährstoffversorgung der Häsinnen während vor/während/nach der Trächtigkeit als Faktor für die Erkrankungen angesehen wurden. In der Folge gabe es von Harry S. N. Greene noch weitere Artikel, die aber mehr oder weniger immer verkürzter die Ergebnisse der früheren Arbeiten wiedergaben.

In einem Artikel von 1949 zum Thema "multiple Tumore" erwähnt Greene als Ursachen für die Entstehung von Neoplasien noch einmal kurz die Faktoren genetische Defekte und Ernährungsmängel ("dietary deficiencies"). Interessant sind in diesem Zusammenhang Veröffentlichungen wie z. B. die  von Roe, 1981. Bemerkenswert ist der Einstieg, in dem Roe extra darauf verweist, kein Ernährungswissenschaftler zu sein, sondern Krebsforscher (Onkologe). Für ihn (und andere Onkologe) wurde es immer schwerer, die Ursachen für Krebserkrankungen von Labortieren (Ratten, Mäuse) zu erforschen, weil selbst die Kontrolltiere immer häufiger Krebs entwickelten und es  zu plötzlichen Epidemien ("epidemic of tumours") kam. Er wies darauf hin, dass Labortiere wesentlich länger als ihre natürlichen Verwandten leben. Ursprünglich wurden folgende Faktoren für diese unerklärlichen Ausbrüche vermutet:
  1. mehr Tiere lebten in einem Alter, in dem Tumore häufig vorkommen, 
  2. Inzucht hatte die Vermehrung onkogener Viren begünstigt,
  3. die für die Tierzucht Verantwortlichen hatten sich für ein hohes Körpergewicht entschieden und somit versehentlich auch ein erhöhtes Tumorrisiko ausgelöst.
In Tierzuchten, die über 10 Jahre gehalten und immer mit dem gleichen Futter ernährt wurden, zeigte sich plötzlich einen Anstieg von tumorösen Erkrankungen bis hin zu Epidemien. Das war natürlich sehr ärgerlich, denn eigentlich wollte man die Entstehung von Krebs durch verschiedene Substanzen testen, aber die Tiere bekamen schon vor Beginn der Versuche auffällig häufig Krebs. Letztlich machte er die "ad libitum"-Fütterung mit konventionellen Futtermitteln dafür verantwortlich, die durch Versuche bestätigt wurden. Der Grund und auch der Vorwurf an Ernährungswissenschaftler bestand darin, dass sie ihre Empfehlungen in der Regel an aktiv wachsenden Tieren ausrichteten und diese für Tiere im höheren Alter ungeeignet waren. Sie wurden schlicht fett und waren allein schon deshalb anfällig für verschiedenste Krankheiten, unter anderem eben auch Krebs. In einer Studie entwickelten Mäuse 6-8mal häufiger Krebs, wenn sie mit einem konventionellen Futter restriktiv ad libitum und nicht ad libitum restriktiv ernährt wurden. Heute ist das mittlerweile allgemein anerkannt, aber in der Zeit, in der Greene seine Studien durchführte eben noch nicht, auch wenn er in der Ernährung einen wichtigen Faktor für die Entstehung von Krebs sah.

Mittlerweile werden immer mehr Arbeiten in Deutschland veröffentlicht, die eine erhöhte Inzidenz für Uterustumore bei Kaninchen aus einem "Patientengut" ableiten und damit eine vorsorgliche Kastration begründen. Ich bin bereits im ersten Teil darauf eingegangen und mache es hier noch einmal deutlich: Das ist grober Unfug!!!

Mich wundert, warum diese unwissenschaftliche Herangehensweise an ein Problem von Fachzeitschriften ignoriert wird. Haben die dort so ein schlechtes Personal, dass die offensichtliche Mängel in Aussagen nicht erkennen? Hat Deutschland wissenschaftlich mittlerweile so abgewirtschaftet, dass simple Grundlagen der Statistik nicht mehr gelehrt oder verstanden werden? Ich versuche es einmal ganz einfach zu formulieren: wenn ein Tierarzt eine allgemeine Aussage zur Häufigkeit von Uteruserkrankungen von Kaninchen treffen möchte, müsste er theoretisch alle oder eine sehr große Anzahl von Haltern auffordern, alle weiblichen Tiere in seine Praxis zu bringen, egal, ob die gesund oder krank sind. Er hat aber bei der Diagnose ein Riesenproblem zu bewältigen, nämlich die Frage, wie schwerwiegend sein Befund ist. Eine veränderte Gebärmutter ist nicht zwingend ein Todesurteil, sondern kann einfach ein altersbedingter Zustand sein. Viele (die meisten?) Veränderungen der Gebärmutter wurden nämlich auch in den Arbeiten von Greene erst post mortem (nach dem Tod) als Zufallsbefund festgestellt. Mit anderen Worten: das Tier war verstorben, aber die Gebärmutterveränderung bzw. Neoplasie waren nicht der Grund für den Tod.

Deshalb mein Rat an Tierärzte: wenn Sie aus Arbeiten zitieren, dann lesen sie diese vorher vollständig. Und lesen Sie vor allem die Quellen, die dort angegeben werden. Alles andere ist dilettantisch, unwissenschaftlich und kann zu falschen Schlussfolgerungen führen. Setzen Sie nicht Ihren Ruf aufs Spiel, nur um ein paar Tierschützern zu gefallen oder einem Trend zu folgen. Machen Sie sich kundig, welche Krankheitsverteilungen tatsächlich bei Kaninchen in relativ unabhängigen Arbeiten festgestellt werden und meiden Sie einen Tunnelblick auf Ihre Praxis.

Wie auch immer: trotz der teilweise negativen Bewertungen der Studien von Greene könnten sie natürich für Tierschützer und Tierärzte sehr wohl interessant sein. Wenn auch nicht für die Beantwortung der Frage, dass und in welchem Ausmaß etwas passiert, denn dafür sind sie nicht geeignet, es sei denn, man möchte Kaninchen mit diversen genetischen Defekten züchten. Es finden sich aber manche Antworten auf die Frage, warum etwas passieren kann. Damit wären man bei den Ursachen. An Hinweisen in den Arbeiten von Greene mangelt es daran nicht.

Zusammenfassung
Die Erklärungen in diesem Teil des Artikels sollen deutlich machen, dass die Studien von Harry S. N. Greene aus den Jahren 1937-1941 nicht geeignet sind, die Ergebnisse der Häufigkeit des Auftretens von Uterustumoren beim Kaninchen zu verallgemeinern bzw. pauschal auf Hauskaninchen zu übertagen. Dagegen sprechen u. a. folgende Gründe, die den Ergebnissen von Greene zugrunde liegen:
  1. Die "Population" der Zuchtkolonie bestand aus Tieren, die speziell für verschiedene  Untersuchungen gezüchtet wurden und die deshalb zum Teil eine Reihe konstitutioneller  Schwächen aufwiesen, welche sie für Erkrankungen besonders anfällig machten
  2. Für die Zucht wurden auch Kaninchen genutzt, deren Bestand dreimal durch "Kaninchenpocken" dezimiert und wieder aufgestockt wurde
  3. Durch äußere Umstände (Umzug der gesamten Kolonie, mangelhafte Ernährung) wurde bei weiblichen Tieren Toxikämie ausgelöst, die auch als überwiegend ursächlich für Uterustumore beurteilt wurde
  4. Die Anzahl von Tieren in den Jahrgängen > 2 Jahre war zu gering und nicht repräsentativ, um sie statistisch bewerten zu können.
  5. die Daten geben die Häufigkeit (Incidence) von Uterustumoren an und keine Sterblichkeitsraten. Die Inzidenz ergibt sich auch aus Daten, die als Zufallsbefund post mortem (nach dem Tod durch Obduktion) festgestellt wurden
Wenn die Rohdaten aus den Untersuchungen von Harry S. N. Greene zur Verfügung stehen würden, wären sie eventuell für Genetiker interessant. Aus den vorliegenden Daten aber eine Inzidenz für das Auftreten von Uterustumoren bei Kaninchen und eine Überlebensrate ableiten zu wollen, ist unsinnig. Trotzdem liefern die Arbeiten interessante Ansätze für die Haltung von Kaninchen, weil ja mögliche Auslöser benannt wurden. Die Herkunft der Kaninchen und damit das Wissen um die genetische "Konstitution" ist dem Halter oft unbekannt, es sei denn, man hat Tiere aus einer Zucht mit bekannten Daten der Elterntiere. Die von Greene als grundlegende Ursachen festgestellten Bedingungen sind aber auch für Tiere unbekannter Herkunft durch den Halter beeinflussbar:
  1. Vermeidung von Stress (wechselnde Pflegestellen, Unterbringung in Kinderzimmern, Unruhe im "Revier" durch Geräuschquellen, überheizte und/oder trockene Räume, ständiger Streit in der Gruppe, ungeregelte Abläufe etc.).
  2. Ausreichend Platz für die Haltung der Tiere.
  3. möglichst optimale Ernährung (Menge und Zusammensetzung der Amino-/Fettsäuren, Mineralstoffe, Meiden von Isoflavonen (Phytoöstrogenen) in der Nahrung wie z. B. Soja etc.).
  4. Vermeiden übermäßigen Streichelns weiblicher Tiere.
  5. regelmäßige Vorsorge durch Abtasten der Tiere oder Ultraschall insbesondere bei Tieren, die verhaltensauffällig sind.
  6. Vorsorge durch Kontrolle der Leberwerte. Die Leber kann sich zwar selbst wieder regenerieren, bei Funktionseinschränkungen ist aber auch die Inaktivierung von Östrogenen eingeschränkt. Für eine  Stärkung der Leberfunktion wäre neben leberstimulierenden, frischen Pflanzen wie Löwenzahn, Mariendistel(-samen), Schöllkraut etc. durchaus auch der Einsatz homöopathischer Methoden überlegenswert.
  7. Vermeidung von Übergewicht. Ideal ist die Fütterung von frischen Wiesenpflanzen, weil diese durch den hohen Wassergehalt auch den Energiegehalt beschränken.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass man Kaninchen am besten so füttert und hält, dass sie in einer natürlichen Umgebung Tiere ihrer Art bleiben können und der Mensch für sie als Kontakt nur dann wahrgenommen wird, wenn die Kaninchen es wollen.

"Kaninchen werden deshalb frühkastriert, weil man ihnen eine sechswöchige Kastrationsfrist ersparen möchte."
Darauf gehe ich im nächsten Artikel ein, also bleiben Sie schön neugierig und interessiert!

Quellen:
  • Greene, H. S. N. (1937): Toxemia of pregnancy in the rabbit: I. Clinical manifestations and pathology. J Exp Med 65. 809-832
  • Greene, H. S. N. (1938): Toxemia of pregnancy in the rabbit: II. Etiological considerations with especial reference to hereditary factors. J Exp Med 67. 369-388 
  • Greene, H. S. N. (1941): Uterine Adenomata in the Rabbit: III. Susceptibility as a Function of Constitutional Factors. J Exp Med 73(2). 273-292
  • Greene, H. S. N.; Saxton, J. A. (1938): Uterine Adenomata in the Rabbit: I. Clinical, History, Pathology and Preliminary Transplantation Experiments. J Exp Med 67(5). 691-715
  • RKZ (2017): Krebs in Deutschland für 2013/2014. 11. Ausg. Übersicht über die wichtigsten epidemiologischen Maßzahlen für Deutschland, ICD-10 C53 (Gebärmutterhals) 
  • Roe, F. J. C. (1981): Are nutritionists worried about the epidemic of tumours in laboratory animals? Proceedings of the Nutrition Society 40. 57-65
  • Statista (2018): Wahrscheinlichkeit für Frauen in Deutschland, in den nächsten zehn Jahren an Krebs zu erkranken oder zu sterben, nach Alter. Internetressource: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/222788/umfrage/erkrankungs-und-sterberisiko-bei-krebs-bei-frauen-nach-alter-in-deutschland/. Download am 7.2.2018

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